Fes/Marokko


FES – Mutter aller Städte

 

Die älteste und schönste der marokkanischen Königsstädte ist ein orientalisches Kleinod.
Die Medina „Fes el Bali“ hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert.

 

 

Nur langsam erwacht die Stadt. Das erste Geräusch des neues Tages ist das Gurren der Tauben. Hier und dort kräht ein Hahn. Aus der nahe gelegenen Moschee ruft der Muezzin zum ersten Gebet des Tages. Nach und nach reihen sich die Gebetsrufer der anderen Moscheen in den melodiösen Reigen. Allahu akbar – Gott ist der Größte – schallt es seit Jahrhunderten unverändert von den zahlreichen Minaretten der Altstadt. Fes el Bali – alt – ist die Stadt, aber höchst lebendig. Nicht wie Rom oder Kairo von der Moderne überrollt, vom Straßenverkehr zermürbt. Hier wird Geschichte gelebt, Tradition dient nicht als Kulisse für Touristenmassen.
Die hölzernen Klappen der Geschäfte werden geöffnet, Kinder tragen kreisrunde Brotlaibe zum Bäcker des Viertels. Langsam füllen sich die Cafés. Frisches Schmalzgebäck und süßer Minztee werden zum Frühstück gereicht. Die Talaa Kebira, die Hauptader der Medina, kaum zimmerbreit, füllt sich, schwillt an zu drangvoller Enge. Fes ist erwacht. Esel schreien, eifrige Händler bieten ihre Waren an, der beißende Geruch von Holzkohlefeuern vermischt sich mit süßlichem Melonenduft, gleißendes Sonnenlicht stößt auf tiefschwarze Schatten. Die Händler, Handwerker und Fußgänger wirken in ihrer traditionellen Kleidung wie Akteure einer barocken Operninszenierung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Das maurische Spanien vererbte Fes eine reiche Kultur. Die Stadt, die 1981 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, erlebte ihre Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert. Aus dieser Epoche stammen Schätze der maurischen Sakralkunst, die ihre Entsprechung in der Alhambra finden. Das Herz von Fes el Bali ist die 857 n. Chr. gegründete Freitagsmoschee und Medersa (Koranschule) El Kairaouine, die älteste islamische Universität der Welt. Hier unterrichteten bedeutende Persönlichkeiten wie der Historiker Ibn Khaldun, der Geograf Ibn Battuta und Leo Africanus, der spätere Johann Leo von Medici. Die Moschee bietet 22 000 Gläubigen Platz. Noch heute werden hier Theologie und islamisches Recht gelehrt. Wenn der Muezzin gegen Mittag zum zweiten Gebet ruft, leeren sich die Basare, und es füllen sich die Moscheen. So war es immer schon. Die kühlen Gotteshäuser werden gern auch zum Entspannen und als Treffpunkt genutzt. Der moderne Geist der europäischen Aufklärung fällt in Fes, dem kulturellen und religiösen Mittelpunkt Nordafrikas, nicht auf fruchtbaren Boden. Die Bewohner der Stadt, dieFassis, gelten als äußerst kultiviert und introvertiert und als die Elite Marokkos. Noch heute stellen die alten Fassi-Familieneinen guten Teil der politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht. Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte kaum ein Europäer die Stadt betreten dürfen. Nur Emissäre oder als Muslime verkleidete Reisende gelangten hinein. „Die mohammedanische Geistlichkeit und die zahlreichen religiösen Orden in Fes sehen sich nicht gern in ihrem Treiben von Abendländern beobachtet und suchen deren Seßhaftigkeit möglichst zuverhindern“, schrieb der Geograf Prof. Oskar Lens (der als Erster Timbuktu erreichte) im Jahr 1910. Das Kerngebiet um das Mausoleum des Stadtgründers Moulay Idriss II. war bis weit ins 20. Jahrhundert „Horm“ – für Nichtgläubige (und Saumtiere) strengstens verboten. Man bleibt in Fes immer noch gern unter sich. Der Tourist ist zwar ein willkommener Gast, aber nicht er bestimmt das Geschehen, er darf daran teilhaben. Wer sich offen und respektvoll verhält, wird mit ausgesuchter Gastfreundlichkeit behandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fes eignet sich nicht für einen oberflächlichen Besuch. Die Stadt will erobert werden. Als Ausgangspunkt eignen sich dafür am besten die innerhalb der Stadtmauern gelegenen Riadhotels. Einheimische und ausländische Investoren nehmen sich seit einigen Jahren der zahlreichen, zum Teil arg heruntergekommenen Paläste und Herrschaftshäuser an, um sie liebevoll zu kleinen, aber feinen Privathotels umzubauen. Die Palette der mehr als 40 Riads reicht inzwischen von der gediegenden Luxusunterkunft bis zum familiären Privathotel. In dieser Atmosphäre aus Tausendundeiner Nacht lassen sich die Eindrücke und Erlebnisse des Tages vorzüglich verarbeiten. Unter sternenklarem Himmel kann man von der obligatorischen Dachterrasse aus bei einem The de menthe einen beeindruckenden Panoramablick über Fes el Bali genießen. Die Gastgeber helfen gern, Sitten und Gebräuche zu verstehen, unbekannte Preise kennenzulernen und vor allem einen Weg durch das Gassenlabyrinth der mittlerweile rund 600 000 Einwohner zählenden Medina zu finden. Wenn in den Souks die Lichter angehen, der Muezzin zum Abendgebet ruft und sich die brütende Hitze des Tages gemildert hat, beginnt die Zeit der Flaneure. Die Straßencafés, meist unweit der Stadttore gelegen, füllen sich. Garküchen locken mit duftendem Kuskus und Tajine, dem marokkanischen Eintopf. Die Händler verschließen gewissenhaft die hölzernen Klappläden ihrer Buden – Stille macht sich breit. So war es immer schon, und so wird es immer bleiben.

Insch allah.

 

 

Informationen:
Fes Airport ist neuerdings direkt von Deutschland mit Ryanair anzufliegen. Reisepass erforderlich; Währung: Dirham, nur vor Ort erhältlich. Landessprachen: Arabisch, Französisch. Unterkünfte: Hotel Batha, Place Istiqual; Riad Mabrouka (Frz. gehoben, hervorragende Küche); Riad Lune e Solei, (Dt./Frz., gemütlich, familiär); Riad Louna (Belg., familiär); Dar Hadara (Marok., Workshops); Dar Ziryah (Marok., Neustadt); Internet: www.riadselection.com, www.marokko-hotels.com, www.tripadvisor.de. Tipps: Nehmen Sie sich Zeit, vor allem beim Handeln. Frauen sollten sich „geschlossen“ kleiden. Benutzen Sie die günstigen „petit taxis”, um lange Wege abzukürzen. Sehr empfehlenswert: Vom 25. Mai bis 3. Juni 2007 findet das alljährliche Festival der sakralen Musik in Fes statt. Prominente Musiker aller Weltreligionen treten in der Medina auf. Infos im Internet unter www.fesfestival.com. Beste Reisezeit: März bis Mai, September bis November. Weitere Infos: Marokanisches Fremdenverkehrsamt, Telefon: 02 11/37 05 51-52, Internet: www.tourismus-in-marokko.de.               

„Nur Konstantinopel,
von Petra aus über das Goldene Horn betrachtet,
und Jerusalem, vom Ölberg aus gesehen,
sind vergleichbar mit dem Anblick von Fes
von den umliegenden Bergen aus.“

Walter Harris, 1921, Korrespondent der Times.