China/Yunnan

Im Schatten des Silberdrachens

 

Ewiges Eis und tropischer Dschungel, eine Vielzahl an ethnischen Kulturen und ein ewiger Frühling locken immer mehr westliche Besucher in die südlichste chinesische Provinz.

 

Text und Fotos: Eberhard Hahne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ältere Herren im „Maolook“, blauen Twillanzug und grüner Ballonmütze spielen eine gepflegte Partie Mah-Jongg in dem kleinen Park am Rand der Altstadt von Kunming. Andere lauschen hingebungsvoll den zarten, manchmal auch durchdringenden Stimmen ihrer gefiederten Lieblinge, die in geflochtenen Bambuskäfigen ihre stolzen Besitzer begleiten. Nebenan, auf dem beliebten Blumen- und Vogelmarkt der Provinzhauptstadt, rattern überladene Handkarren über das holprige Pflaster, ambulante Händler transportieren ihre Waren auf wippenden Tragestangen. Hier pflegt man die diskrete Art. Aufdringliche Händler haben keinen Platz. Schiefe rotbraune Holzfassaden unter geschwungenen, grün beziegelten Dächern – chinesische Szenen mit musealem Charakter. Die Zentralregierung unternimmt enorme Anstrengungen, die Reste traditioneller chinesischer Lebensart zu retten und für den Tourismus aufzubereiten. Das moderne China umschließt dieses Kleinod wie ein Meer aus Hochhäusern und mehrspurigen Straßen. Aber es herrscht kein Verkehrs- und Lärmchaos wie in den benachbarten Ländern, sondern ein sehr diszipliniertes Verhalten. Die Straßen sind auffallend sauber. Die Hochhäuser, teils in zweckmäßiger sozialistischer Blockbauweise, immer häufiger aber in westlicher Glaspalastarchitektur, sind mit Büros und Nobelboutiquen ausgestattet. Supermärkte sucht man allerdings vergebens, Nahrungsmittel werden wie eh und je auf den Viktualienmärkten in den Seitengassen gekauft. Nachts erstrahlen die Boulevards und Plätze in futuristischen Neonfarben. Kunming mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern gilt in China als „Kleinstadt“. Wie überall in der Volksrepublik ist der enorme Aufschwung und die Zielstrebigkeit der chinesischen Wirtschaft unverkennbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Besucher des in China berühmten Naturphänomens Steinwald Shi Lin sollen es bequem haben. Auf einer Fläche von 270 km2 drängen sich bis zu 30 Meter hohe Felsnadeln wie Stein gewordene Lebewesen. Jede von ihnen hat einen eigenen Namen und eine ihnen zugeordnete Geschichte. Chinesen lieben Geschichten. In den schmalen Durchgängen und auf den gewundenen Treppchen des inneren Steinwaldes herrscht drangvolle Enge. Fähnchen schwingende Guides versuchen ihre aufgeregten Gruppen in dem unüberschaubaren Felsenlabyrinth beisammenzuhalten. Lightshows und Tanzvorführungen der Bai-Minderheiten können diesen Tagesausflug abrunden. Auch in Dali, 415 Kilometer westlich von Kunming gelegen, dominieren die weiß gekleideten Bai. Sie bilden die größte der 25 anerkannten Minderheitenkulturen von Yunnan. Dereinst Geheimtipp unter Backpackern, präsentiert sich Dali heute dem flüchtigen Besucher als Museumsstadt. Auch hier hat die Tourismusbehörde nicht gespart und langfristig investiert. Die 3,5 km langen trutzigen Befestigungsmauern der ehemaligen Hauptstadt des Nan-Zhao-Königreichs sind vollständig restauriert, nachts sogar effektvoll in Regenbogenfarben beleuchtet. Busparkplätze, das neue Viersterne-hotel Asian Star in unmittelbarer Nähe, eine neue Autobahn und Eisenbahnlinie von Kunming und der 1997 eröffnete Flughafen garantieren eine reibungslose Bewältigung der Besucherströme. In den windschiefen Häuschen entlang der schnurgeraden Hauptstraße sind Souvenirläden und die selten gewordenen Teehäuser untergebracht. Von Folklorearbeiten über Maobüsten bis zu spottpreisigen Billigferngläsern ist hier alles zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In nur 30 Kilometer Entfernung, schon weithin sichtbar, erheben sich die Türme von Chong Sheng, dem Dreipagodentempel. Diese mehr als 1 000 Jahre alten Türme liegen in einer gepflegten Tempelanlage. Von der Spitze des 69 Meter hohen Hauptturms hat man einen eindrucksvollen Rundblick auf die schneebedeckten Bergketten des Cang-Shan-Gebirges und über die fruchtbare Ebene bis zum gewaltigen Erhai-See. Das Überqueren des Sees in pagodenbedachten Passagierbooten bietet eine willkommene Abwechslung. Ziel der kurzweiligen, von Kormoranfischern und kräftigen Brisen begleiteten Bootstour ist das Fischerdorf Jinsuo Dao. Das dörfliche Treiben, ein kleiner Fischmarkt und die schöne Tempelanlage lassen sich gut auf eigene Faust erkunden. Das Highlight einer Yunnan-Rundreise ist Lijiang am Fuße des Jadedrachenberges. 1996 geriet die 300 000 Einwohner zählende Stadt durch ein verheerendes Erdbeben in den Fokus der internationalen Medien, infolge dessen die UNESCO die damals nur Insidern bekannte Altstadt zum Weltkulturerbe erklärte. Mit Sponsorengeldern von Auslandschinesen wurde Lijiang wieder aufgebaut. Die fast verschont gebliebene Altstadt ist das kulturelle Zentrum der Naxi-Minderheit und gilt mit ihrer Originalität als die schönste Stadt Chinas. Sie ist nur fußläufig zu erkunden. Das 800 Jahre alte schlüpfrige Kopfsteinpflaster verlangt einen sorgfältigen Tritt. Die meist eingeschossigen Holz- und Lehmziegelhäuschen mit den himmelwärts gebogenen Dächern reihen sich in schmalen gewundenen Gassen zu einem endlos erscheinenden Labyrinth. Unendlich scheint auch die Zahl der Tee-Folklore-Souvenirläden zu sein. Überall leuchten rote, mit chinesischen Zeichen bemalte Ballons, Fahnen und Transparente. Zahlreiche Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein. Schmale Kanäle müssen über hölzerne Stiegen oder Steinbrückchen überquert werden. Die Einwohner tragen die traditionelle Kleidung der Naxi. Paradiesische Ruhe findet man am nahe gelegenen Heilong Tan, dem Park des Schwarze-Drachen-Sees, der die unzähligen Wasseradern der Altstadt speist. Vor der Silhouette des mächtigen Gipfels des Jadedrachenberges (Yulong Xueshan) glänzen die lasierten Ziegel der Pagodentempel in der Sonne, Trauerweiden beschatten das Seeufer, und das interessante Dobang- und Naximuseum geben Einblick in eine uralte Kultur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie ein Silberdrachen bewacht der Yulong Xueshan (5 596 m) die Pforte zum Himalaya. Trotz vieler Versuche ist der Gipfel noch nicht bezwungen worden. Per Gondel kann man das auf 4 500 Meter gelegene Jakplateau besuchen. Gebetsfähnchen flattern in der klaren Luft. Die bunte Kleidung und die wettergegerbten Gesichtszüge der Bergbevölkerung mit den hoch liegenden Wangenknochen zeigen tibetische Züge. Die grelle Sonne blendet die Augen, und die Luft ist so dünn, dass sich langsame Bewegungen empfehlen. Der Ausblick über die auch in dieser Höhe noch bewaldeten Gipfel ist atemberaubend. Die Pflanzenwelt gilt mit ihrem Artenreichtum als Mekka für Botaniker. Auf dem Rückweg durch das sagenumwobene Tal Shangri La, „das Land der Heiligtümer und des Friedens“, nach Lijiang, fallen die smaragdgrünen, aufwendig bewässerten Fairways des eleganten Jade-Dragon-Golfplatzes ins Auge. Der Platz gilt als der höchstgelegene und längste Golfplatz der Welt. Nur zwei Autostunden von Lijiang entfernt wartet eine weitere Superlative. Die Tigersprungschlucht (Hutiaoxia) gilt als eine der tiefsten Schluchten weltweit. Sie ist 16 Kilometer lang und erreicht eine Tiefe von 3 900 Meter. Mit bedrückender Gewalt presst sich der Gelbsandfluss (Jinsha Jiang, später Yangse Yiang) tosend durch das 36 Meter breite felsige Nadelöhr. Besonders beeindruckend ist dieses Erlebnis während der Schneeschmelze. Auch hier sorgen Busparkplätze, Rikschas, Souvenirbuden und 1 600 mühevoll in den Fels gehauene Stufen für ein ungetrübtes Reiseerlebnis im Land des Silberdrachens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anreise: Cathay Pacific fliegt täglich von Frankfurt nach Hongkong, Telefon:

0 69/ 71 00 88 00. Dragonair bedient von dort die innerchinesischen Flüge. Reiseveranstalter: Der Studienreiseveranstalter Gebeco bietet eine 14-tägige Yunnan-Rundreise ab 1 895 Euro an. Telefon: 04 31/5 44 60, E-Mail: contact@gebeco.de, Internet: www.gebeco.de. Info: Fremdenverkehrsamt der VR China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, Telefon: 0 69/52 01 35, E-Mail: info@fac.de, Internet: www.fac.de oder www.china-yunnan.de. Geld: Die Währung ist Renmimbi (RMB). 1 Euro entspricht 8,779 RMB. Der RMB-Yuan wird außerhalb Chinas nicht gehandelt. Es ist aber ratsam, ein wenig Bargeld (US-$ oder Euro) mitzunehmen. Reisezeit: Ganzjährig, Yunnan gilt als das Land des ewigen Frühlings. Sicherheit: China ist ein sicheres Reiseland, auch für allein reisende Frauen. Gesundheit: Für die direkte Einreise aus Europa sind keine Impfungen vorgeschrieben. Vor der Abreise empfiehlt es sich, Hepatitis A, Tetanus, Polio und Diphtherie aufzufrischen. Fast alle in Europa gängigen Medikamente sind in China erhältlich.